Donnerstag, 24. Dezember 2009

Was in aller Welt... sind Gletscherhöhlen?

Es Weihnachtet sehr, es ist frostig kalt und wir haben sogar Schnee. Auch viele Rollenspielrunden zieht es in die Kälte daher bleiben wir thematisch mal im Eis. Hier ein Versuch ein wenig Information und Inspiration zur Spielwelt- und Abenteuergestaltung an einem zufällig rausgegriffenen Naturphänomen zu liefern. System und Settinglos. Die Hintergründe sind detailliert aber zurückhaltend, hoffentlich so, daß sich ein "Simulationist" mit gutem Gewissen zurücklehnen kann. Aber auch pulpige Spielleiter finden vielleicht Anreize. Wenn es nützlich ist möchte ich das Weiterführen, so lange ich auf interessantes, verwertbares treffe.

Wenn es Probleme beim Aufrufen der Links gibt, bitte melden.


Gletscherhöhlen


Räumlich: [Zehner Meter bis Zehner Kilometer]
Vorkommen: Innerhalb von Gletschern (siehe Moteratsch, Big Four, ParadiseCaves, Vatnajökull)
Gefahrenpotential: [hoch gefährlich]
Zeitskala: [Rezent]
Klima: [Eis]


Was ist eine Gletscherhöhle?

Wer kennt die Rutschpartieszene in der Eishöhle aus Ice Age 1, albern oder? Da kann ein ernsthafter Rollenspieler doch nur abwinken. Nicht wirklich, sie ist vielleicht näher dran als so manches langweilig monotones Eisgefüge, die uns von so manchen "realistischen" Spielleitern vorgesetzt wird.

Das ist eine Gletscherhöhle:
http://static.panoramio.com/photos/original/20445253.jpg
Potresina, Schweiz; Photo hufiz

Es ist ein Phänomen, daß wir heutzutage gehäuft sicher auch Dank des, wie erwartet, gescheiterten Kopenhagener Gipfels zu sehen bekommen und bald für sehr lange Zeit vielleicht nicht mehr wieder.

Es handelt sich dabei um eine Höhlenformation innerhalb des Eises, nicht zu verwechseln mit einer Eishöhle, die eine Höhlenformation in Fels mit Ganzjahreseis darstellt, wobei die Begriffe nicht konsistent verwendet werden. Wie der Name vermuten lässt, treten sie in Gletschern auf, die alles andere sind als ein Klotz von Eis. Die Höhlenerstreckung folgt dabei in der Regel dem Hangverlauf mit dem Austritt im Gebiet des Gletschermundes, dem Ort, an dem das Schmelzwasser aus dem Eis tritt. Die Gletscherhöhlen können sich zu einem System immenser Ausdehnung zusammen schliessen. Das größte gemessene Gletscherhöhlensystem betrug eine Länge von circa 13km, den Paradise Ice Caves im Mt.Rainiers Paradise Glacier in den USA. Die Höhlen können einen Durchmesser von vielen Zehnermetern besitzen.

Der Höhlenverlauf ist in seiner Gesamtheit annähernd Neigungsparallel, jedoch können zahllose senkrechte oder steile Schächte, sogenannte Gletschermühlen und Spalten ins Innere führen. Der Boden der Höhlen muss nicht zwingend auf der Grundmoräne, also auf dem Gesteinsuntergrund liegen, sondern kann mitten durch das Eis führen.

http://glaciercaves.com/html/mount_rainier_photo_19.html
Gletscherhöhle durch den Paradise Glacier; Anderson Jr.

Man muss sich dies in seiner Gesamtheit wie ein Adersystem vorstellen.

http://glaciercaves.com/html/mount_rainier_photo_5.html
kleiner Ausschnitt des Paradise Ice Caves und Steven Creeks Höhlensystems; Anderson Jr, Vining

Wie entstehen Gletscherhöhlen?
(nicht Simulationisten können das auch überspringen)

Zwei Mechanismen haben besonders viel Einfluss, subglaziale Ablation durch Schmelzwasser, was nichts anderes bedeutet, als das Regenwasser oder Bachwasser sich einen Weg durch das Eis schmilzt und Sublimation, also dem Übergang von Eis nach Wasserdampf.

Ablation durch Regenwasser erfolgt durch Gletschermühlen, diese entstehen, wenn Wasser und Gesteinstrümmer in Spalten eintritt (die aus der Bewegung des Gletschers resultieren) und diese röhrenförmig bis 10m und mehr Durchmesser erweitern. Sie können dabei bis 100m in die Tiefe führen.


http://static.squidoo.com/resize/squidoo_images/-1
Abstieg durch eine Gletschermühle, Grönland; Photo: Carsten Peter

Der Verlauf dieser Mühlen ist oft spiralförmig. Auf ähnliche Weise können Gebirgsbäche eintreten. Dies spielt vor allem im Sommer eine Rolle. In selten Fällen können heisse, vulkanische Quellen auf dieselbe Weise große Hohlräume in Gletschern von unten erzeugen, wie z.b. im Vatnajökull, dem größten Gletscher Islands. Da die Energie aus diesen Quellen weitaus höher ist, kann es dort zu regelrechten Überschwemmungen kommen.


http://science.nationalgeographic.com/staticfiles/NGS/Shared/StaticFiles/Science/Images/Content
Seltsame Formation einer geothermischen Gletscherhöhle, Grönland; Photo Carsten Peter

Im Winter setzt verstärkt Sublimation ein, das Eis geht dabei direkt in Wasserdampf über, dies result aus dem Dampfdruck (der statistische Übergang der Teilchen von fest nach gasförmig) des Wassers/Eises und dem fehlenden Gleichgewicht mit der trockenen Luft. Dabei wird Wärme verbraucht (es wird kalt), es bildet sich ein kalter, gesättigter Luftfilm, der die Höhlenwände auch bei höheren Temperaturen festförmig hält (aus dem Grund bleibt auch Schnee auf den Strassen einige Tage über 0°C liegen). Ein starker Wind in den Höhlen verstärkt den Sublimationseffekt (da der Luftfilm verschwindet).

Normalerweise bleibt das Wasser in sogenannten Linsen gefangen, wenn es keinen Abfluss gibt.
In unserem hausgemachten wärmeren Klima fällt aber nicht nur mehr Regen, die Gletscherzunge zieht sich dadurch auch immer weiter zurück, so daß diese Linsen geöffnet werden und ausfliessen, wodurch wir Zugang zu den abstrakten Eisgebilden erhalten.

Warum bleibt das Wasser überhaupt flüssig? Zum einen liegt das am hohen Auflastdruck des Eises, denselben Effekt kennt man vom Schlittschuhlaufen, bei dem man durch das Körpergewicht auf einem dünnen Wasserfilm gleitet. Zum anderen isoliert sich das Eis selbst ab, aus diesem Grund ist die Temperatur der Inneren Luft nahezu konstant 0° oder knapp darüber.


Eigenschaften (und Gefahren) der Gletscherhöhlen

Die größte Gefahr geht selbstverständlich von ihrer Unbeständigkeit aus. Durch das Abschmelzen der Gletscher kann es sehr schnell zu Deckeneinstürzen oder Abbrechen großer Eisblöcke kommen, insbesondere im Sommer.

http://www.swisseduc.ch/glaciers/morteratsch/ice_cave_2009/index-de.html
Impressionen der Gletscherhöhle Moteratsch; Fotos Jürg Alean


Dadurch geht auch von Außen eine Gefahr aus. Zudem sind die Gletschermühlen und Spalten nicht immer ersichtlich, sie können durch Gesteinstrümmer bedeckt sein. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß man in unmittelbarer Nähe zum Gletscher mitunter nicht einmal immer mit Gewissheit sagen kann, ob man gerade auf Felsgeröll steht oder 100Meter Eis unter sich hat.

http://media-cdn.tripadvisor.com/media/photo-s/01/48/b9/43/big-four-ice-caves-near.jpg
Mit Geröll bedecktes Gletschereis, Big Four Ice Caves, Washington; Photo VolkerTV
(nein, ich kenne den dicken Jungen nicht, war nur zu faul ein eigenes Fotos hochzuladen)


In der Schneeschmelze kann zudem ein kleiner subglazialer Ablauf, der nicht mehr als ein Rinnsal ist, zu einem reissenden Strom anwachsen, der alles fortspült, was sich innerhalb der Höhle befindet. Das man auf Eis wenig bis keinen Halt findet, verstärkt die Gefahr natürlich.

Von entscheidender Bedeutung ist die Fließgeschwindigkeit des Gletschers, dieser wird unter Anderem durch die Akkumulation (sprich, dem Ansammeln von Schnee) im Nährgebiet bestimmt, also durch sein Eigengewicht, sowie der Hangneigung und dem unterliegenden Wasserfilm und Untergrund. Die Fließgeschwindigkeit reicht von 30m pro Jahr in den Alpen bis zu 30m pro TAG in Grönland. Durch die Spannungen ergibt sich eine plastische Deformation der Gletscherhöhlen. Zugänge können von einem Tag auf den anderen Verschwinden oder sich öffnen, Verläufe können sich deformieren, so daß man den Ort nicht wieder erkennt. Zudem können Wasserlinsen aufbrechen und in Sekunden Sturzbäche an Wasser freigeben. In manchen Passagen stehen kleine Seen, die man durchtauchen müsstem um in den Gang dahinter zu kommen.
Im Gletscher muss es nicht zwangsläufig dunkel sein. Zwar schluckt das Eis eine Menge des Lichtes (das Blaue kommt am Weitesten), jedoch kann das Gletschereis von bezaubernder Klarheit sein. Der Druck treibt die kleinen Luftblasen, die Eis weiss erscheinen lassen, heraus, so daß man meter tief in den Gletscher hinein schauen und die im Eis, wie im Wasser stehenden, Felsbrocken bewundern kann, aber sich auch wie in einem Spiegelkabinett verirren kann. Der Wind schleift die Wände der Höhlen sehr glatt und formt groteske Gebilde wie Brücken und Bögen, Winkel und Blasen.

http://www.flickr.com/photos/31846328@N04/sets/72157613644568271/
Tellerstrukturen, erzeugt durch Wind, am Eingang der Gletscherhöhle im Moteratsch Gletscher; Photo Marmotta

http://www.flickr.com/photos/dittaeva/3232155932/in/set-72157613043394901/

Natürliche Lichtstimmung im Nigardsbreen, Norwegen; Photo Glutorm Flatabe

Einsatz im Rollenspiel

Man muss sich zuerst fragen: Warum sollte man dort hineingehen? Diese Frage stellt sich eigentlich grundsätzlich nicht, wenn man die Gelegenheit dazu besitzt, man muss diese Möglichkeit nutzen, diese Wunderwelt zu betreten, die kaum je ein Mensch zu Gesicht bekommen wird. Aber aus rein nüchternen, praktischen Heldengruppen motivierten Gründen ist dies ein gutes Rückzugsgebiet für angepasste Lebewesen und Monster.

Eine Gletscherhöhle in unserer Zeit wäre nun nichts, in dem sich z.b. ein Drache häuslich einrichten würde, jedoch in größeren, flachen Gletschern oder gerade in eiszeitlichen Umgebungen kann ein Gletscherhöhlensystem als ganzes große Beständigkeit haben. Als echter Lebensraum jenseits vom Mikrokosmos bietet eine Gletscherhöhle nicht viel, phantastische Lebewesen/Monster jedoch unterliegen den natürlichen Einschränkungen nicht. Gletschermühlen (Durchmesser bis 10m) kann man als guter Kletterer als Zugang oder Ausgang zu Höhlen benutzen, selbst wenn sie tief im Gletscher sitzen. Sie müssten ihre Unterkunft regelmäßig wechseln, bevor sie weggleitet oder sich verschliesst. Was immer ein Lebewesen in diesem variablen System versteckt, kann sich sicher, sein, daß sich nur die verrücktesten Helden in dieses Labyrinth wagen.

Gletscher können zudem leichte Passagen Quer über ein Tal darstellen. Was wäre, wenn dort z.b. Reisende in die Gletscherhöhlen einbrechen und von den Helden gerettet werden müssen (oder selber dort hineinfallen).

Für wenige Jahre kann eine frei zugängliche Höhle an der Gletscherzunge jedoch durchaus stabil sein und Zuflucht für alles mögliche Getier bieten und zusätzlich noch zu Fuß leicht zugänglich sein. Da sie gut isoliert sind bieten sie zumindest einen mittelfristigen Unterschlupf vor Stürmen.
Gute Gelegenheiten all die neuen Gefahren seinen Spielercharakteren auf den Kopf fallen zu lassen.
Schlussendlich ists die Einzigartigkeit eines dynamischen Höhlensystems, die eine Abwechslung darstellt, wenn eine Heldengruppe mal wieder unter Tage muss.


Kommentare:

  1. Hatte mich noch gar nicht zurückgemeldet.
    Ja, so ist das super. Tolle Informationen, tolle Bilder. Ich freue mich auf weitere Beiträge in der Kategorie "Was in aller Welt..."

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, ein solches Höhlensystem in einem Abenteuer zu verwenden.

    Eine kleine Nachfrage:
    Wie ist das mit den Linsen? Verstehe ich recht, dass es auch solche Höhlensysteme ohne Ausgang am Ende des Gletschers gibt?

    Liebe Grüße
    kirilow

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  2. Hallo,
    danke für die Meinung.

    mich erinnerten die Höhlen gleich an so eine typische "übertriebene" Szenerie aus einem D&D4 Encounter inklusive Eisdrachen ;)

    @Linsen: Soweit mir bekannt, ist das sogar die Regel. Das meiste Wasser sammelt sich allerdings sozusagen als Gleitfilm unter dem Gletscher. Daraus bildet sich ja auch der Gletscherbach.
    Eine Gletscherhöhle mit Ausgang am Ende (Gletscherfront)dagegen ist wohl eher die Ausnahme. Das ist auch verständlich, da die Gletscherfront ja eine viel kleine Fläche im Verhältnis zum Gletschervolumen besitzt. Das ganze Wasser, daß da eintritt, kann durch die Fläche und die paar Spalten gar nicht abfliessen.

    Und wenn das Wasser nicht wieder hinaus kommt, sammelt es sich in Taschen (Linsen). Durch den Druck und die Wärmeisolation bleiben diese dann flüssig.

    Senkrechte Gletschermühlen dagegen sind in der Regel die Eintrittspunkte und häufig.

    wenig Rollenspielrelevant, aber ich hoffe geholfen zu haben. :)

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  3. Oh, ich finde das durchaus rollenspielrelevant. Ich fragte mich nämlich, ob einfach nur dem Gefälle bzw. dem abfließenden Wasser folgen muss, um den Ausgang zu finden. Dem ist offenbar nicht so und das macht interessantere Labyrinthe möglich.

    Danke für Antwort. Ich warte gespannt auf den nächsten Teil der Reihe.

    Grüße
    kirilow

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  4. Sorry, für die Verspätung:

    Das Wasser dringt natürlich auch Seitlich von den Flanken ein (Bäche), eben wie von oben (Regen). Im Großen fliesst es natürlich bergab aber seitliche Arme sind gar kein Problem (siehe die verlinkte Karte im Beitrag).

    viel Spass damit.
    Der nächste Beitrag wird wesentlich heisser, soviel weiss ich zumindest.

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