Samstag, 8. Mai 2010

Was in aller Welt ... ist ein Tsingy?

Wieder habe ich gestöbert und recherchiert, um ratlosen Spielleitern und Weltenbastlern abwechslungsreiche Module zu bieten, mit denen man eine Fantasyspielwelt authentisch aufpeppeln kann.
Was in aller Welt... ist eine Beitragsreihe, die ich in unregelmäßigen Abständen (circa 1mal pro Monat) schreibe, wenn die Zeit da ist, um ausgefallene geologische Phänomene zu präsentieren und um zu zeigen, daß man nicht so weit in die High Fantasy abschweifen muss, um eine viel buntere, abwechslungsreichere Welt hier bei uns zu finden.

Wie immer verzichte ich weitestgehend auf direkte Einbdingung der Bilder um mir Urheberrechtsprobleme zu sparen. Es lohnt sich dennoch ausserordentlich sich die Bilder anzuschauen.

Der Eingangsbeitrag und die Erklärung der Kurzbegriffe zur Reihe findet sich hier
http://hochistgut.blogspot.com/2009/12/was-in-aller-welt.html



Tsingy de Bemaraha – Der steinerne Wald

Räumlich: [circa 1500km² Fläche]
Vorkommen: In Regionen mit karbonathaltigen Massengesteinen unter Einfluss von Grundwasser und starken Regenfällen.
Gefahrenpotential: [minder gefährlich]
Zeitskala: [rezent]
Klima: [humid oder sub-arid]

Was ist der Tsingy?
Im Madagassischen ist dies eine Abkürzung und bedeutet soviel wie "auf den Zehenspitzen gehen". Es handelt sich um eine geomorphologische Besonderheit im Westen von Madagaskar im Nationalpark Tsingy de Bemaraha. Wesentlich eingängiger ist der Name steinerner Wald, wo wir dann auch schon fast wieder beim Rollenspiel wären.
Beide Begriffe sind treffend, handelt es sich doch um eine ca. 1500km² große, flache Karstlandschaft, die von wenigen metern breiten Klüften durchzogen ist, die bis zu 120m tief sein können und in messerscharfen Kanten und Spitzen ausgeprägt sind. Im Untergrund befindet sich ein viele hundert km verlaufendes Höhlensystem, schmale Schluchten, natürliche Brücken und eine Vielzahl unterschiedlicher Verkarstungensformen treten dagegen an der Oberfläche auf.

(Großaufnahme über dem Tsingy de Bemaraha, Quelle: Dan Shapley)

http://image02.webshots.com/2/1/0/24/51110024OXBukY_ph.jpg
(Luftbild des Tsingy de Bemaraha, keine Quelle)
[Anmk: Manchmal scheint der link nicht zu funktionieren. Die Zeile in den Browser kopiert funktioniert seltsamerweise aber einwandfrei]



Wie enstand der steinerne Wald?
(nicht Simulationisten können das auch überspringen)

Eigentlich benötigt man nur zwei Dinge: Das richtige Gestein und die richtigen Witterungsverhältnisse. In Wirklichkeit ist alles wie immer natürlich viel komplizierter, aber betrachen wir einmal nur diese beiden Bedingungen.
Das Gebiet des steinernen Waldes wird aus flach abgelagerten Massenkalken von ca. 400 Meter Mächtigkeit aufgebaut. Diese enstanden im Jura vor über 150Mio. Jahren, als sich Madagaskar vom afrikanischen Koninent trennte. Die Kalke wurden als Riffkalke organisch abgelagert, der Begriff Massenkalk bezieht sich insbesondere auf die Mächtigkeit der Gesteinsschicht. und auf eine geringe Porösität. Das Klima von Madagaskar liegt in der tropischen Zone und ist von moderat hohen Niederschlägen, sowie Zyklonen geprägt.

Unter diesen Vorraussetzungen kann eine Karstlandschaft, wie im Bemaraha Nationalpark in den letzten Millionen Jahren entstehen. Unter Verkarstung versteht man das Lösen und Verwittern von Karbonatgesteinen (auch Sulfaten und Salzen) durch Kohlensäure. Die Kohlensäure entsteht durch das in der Atmosphöre befindliche CO2, das sich im Wasser löst. Anzumerken ist, daß die Verkarstung zu einem großen Teil unterirdisch durch das Grundwasser geschieht.

http://www.lasochres.se/Bildarkiv/Afrika/Madagaskar/Tsingy_nationalpark_2_big.jpeg
(Verkarstung an Massenkalk im Tsingy National Park, Die Auflösung findet senkrecht und waagerecht statt. Quelle: www.lasochres.se)

Karstlandschaften sind auch in unseren Landen weit verbreitet, was die Bedingungen in Madagaskar aber besonders macht sind zum Einen die erwähnten starken Regenfälle und die Ausrichtung der Risse im Gestein. Jedoch ist der steinerne Wald nicht einmalig, vergleichbare Landschaften finden sich in Neu Ginea, Kenia, Brasilien oder China, wie den Shilin (chinesisch für Steinwald, wer hätte es gedacht?), der ebenfalls dem Monsun ausgesetzt ist.

http://www.wak.ch/news/img/2009/chinareise_2009/shilin/shilin2.jpg
(Kalksteintürme im Shilin in Südchina Photo: Jürg Wiesendanger 2009)

Gehen wir noch ein wenig ins Detail. Der Tsingy verläuft im Norden des Manambolo Flusses, die Landschaft besitzt (bzw. besaß) somit eine hohe Grundwasseroberfläche. Schaut man sich den Verlauf der Klüfte genauer an, fällt schnell auf, daß diese hauptsächlich entweder von NE nach SW oder senkrecht darauf von NW nach SE verlaufen (die Richtungen haben etwas mit den Spannungen zu tun, dem das Gestein ausgesetzt war, worauf wir nicht eingehen müssen).

http://neatorama.cachefly.net/images/2009-11/limestone-towers-madagascar.jpg

(Luftbild des Tsingy de Bemaraha. Gut zu erkennen ist der parallele Verlauf der Klüfte in zwei Hauptrichtungen, Photo: Stephen Alvarez / National Geographic)

Diese Klüfte entstanden nicht etwa durch die Verkarstung, sondern existierten bereits vorher als kaum sichtbare Risse im Gestein. Das Wasser konnte sowohl von unten als Grundwasser, als auch von oben während der starken Regenfälle eindringen und so die Risse durch Lösung des Gesteins immer weiter öffnen.
Zusätzlich konnte das Wasser in die ehemaligen Schichtgrenzen der Kalksteine eindringen, die sich einst wie ein Stapel Papier übereinander lagerten und das Gestein waagerecht korrodieren.

http://www.weezgo.com/blog-voyage/wp-content/uploads/2008/01/tsingy.jpg
(Laterale Verkarstung im Tsindy de Bemaraha. Beim darüber Laufen sind diese Schwachstellen kaum sichtbar, Quelle: Laurent Evain, www.weezgo.com)

Die Verkarstung findet also im Inneren des Kalksteins, wie an der Oberfläche, gleichzeitig statt.
Im folgenden Comic-Diagramm sind einige Entstehungschritte der Tsingy Klüfte leicht verständlich dargestellt, die Bilder sind jeweils von links nach rechts zu lesen:

http://img402.imageshack.us/img402/2070/grikeentstehung.jpg
(Schema unterschiedlicher Kluftbildungsmechanismen durch Verkarstung, Quelle: Márton Veress et.al. 2008)

Jede dieser Stadien findet sich in der Landschaft wieder und je breiter und tiefer, desto älter sind die Klüfte. Das Regenwasser führt dazu, daß sich an der Oberfläche die charakteristischen, messerscharfen Grate ausbilden, wie im folgenden Schaubild erklärt:

http://img88.imageshack.us/img88/8366/tsingyspitzen.jpg
(Gratentstehung durch Regenwasser im Ankarana Tsingy, Veress et.al 2008)



Eigenschaften (und Gefahren) des steinernen Waldes

Neben den bereits erwähnten messerscharfen Graten seien vor allem die unsichtbaren Gefahren erwähnt. Der korrodierte Kalkstein kann an vielen Stellen instabil sein. Nicht zuletzt entstanden viele der Klüfte, in dem die dünne Decke eines Hohlraumes ins Innere brach. Dasselbe gilt natürlich für die übrig gebliebenen natürlichen Brücken.

http://img153.imageshack.us/img153/4964/natrlichebrcke.jpg
(Natürliche Brücken im Tsingy de Bemaraha, die durch Korrosion des Unterlagers entstanden sind, Veress et.Al.2008)

Während der starken Regenfälle, können sich die tiefen Klüfte zudem blitzschnell mit reissendem Wasser füllen und eine tödliche Falle für jeden darstellen, der auf dem Grund der Klüfte herumirrt.
Die Klüfte selber können extrem schmal sein und ihre Begehbarkeit kann von Meter zu Meter wechseln.

http://www.wak.ch/news/img/2009/chinareise_2009/shilin/shilin4.jpg
(Eine Höhle im Shilin, Südchina, Photo: Jürg Wiesendanger 2009)

Zusammen bilden sie ein Netzwerk, in dem man sich schnell verirren kann. Die Ausmaße der Klüfte reichen von wenigen Zentimetern bis einigen Zehner Metern Breite und wenigen Metern bis zu 120 und mehr Metern Tiefe.

http://c0170351.cdn.cloudfiles.rackspacecloud.com/16686_4067_m.jpg
(Am Grund des Grand Tsingy, Tsindy de Bemaraha National Park, Photo: Megan Kearney)

Der Wasserhaushalt des Gebietes ist trotz des tropischen Klimas sehr trocken, da das Wasser sehr schnell in den Rissen ablaufen kann und das Gestein kaum porös ist und so gut wie kein Wasser aufnehmen kann. Tatsächlich würde sich eine Karstlandschaft bei großer Porösität nicht ausbilden, daß das Gestein sehr schnell komplett aufgelöst werden würde.
Infolgedessen gibt es nur wenig Flora und Fauna. Zwischen den Klüften kann jedoch ein sogennnter Trockenwald gut gedeihen. Trockenwälder sind vergleichbar mit Savannenwäldern oder Dornwäldern und sind die Heimat besonders robuster Sträucher und Bäume, die skurrile Formen bilden können.


Einsatz im Rollenspiel

Für Spielleiter sind die steinernen Wälder, eingeschränkt durch ihren Entstehungsraum, der hauptsächlich in der tropischen Zone liegt, vor allen zur Ausschmückung exotischer Länder interessant. Davon abgesehen sind die Entstehungsbedingungen relativ frei, so lange man sich an die wichtigen Parameter (massives Kalkgestein + schlechtes Wetter und hohes Grundwasser) hält.
Auf Reisen kann es eine verlockende Abkürzung sein, sich in das Kluftlabyrinth eines steinernen Waldes zu begeben, oder gar über dessen Spitzen zu wandern, wo man den örtlichen Gefahren ausgesetzt ist.

Viele der Klüfte sind zudem nicht bis zur Oberfläche korrodiert, so daß sich komplexe Höhlensysteme ergeben. Im Folgenden die Karte der Anjohy Tsilika Höhle innerhalb des Tsingy Areals, die ich aus einem Paper aufgetrieben habe und die sich hervorragend als natürliche Gewölbekarte für das Rollenspiel eignet. Auffällig ist sofort, wie die Gänge der Rissstruktur des Gesteines folgen (NE-SW; NW-SE). Es fehlen lediglich ein paar Goblins.

http://img707.imageshack.us/img707/1745/tsingydungeon.jpg
(Ausschnitt der Kluftstruktur der Anjohy Tsilika Höhle, Tsingy de Bemaraha, nach Dobrilla 2006)

http://zuzutop.com/wp-content/uploads/2009/11/Madagascar_05.jpg
(eine begehbare, schmale Kluft im Tsingy, Quelle: http://alvarezphotography.com/)

Zu beachten ist, daß man Enstehungsprozess und Standort voneinander trennen muss. Ein steinerner Wald kann viel älter sein, als das Klima, daß zu seiner Entstehung führte. Ein steinerner Wald kann heute auch inmitten einer Trockenzone liegen, der Entstehungsprozess wird dann zwar nicht fortgesetzt und die Gefahren z.b. durch reissende Regenwasserströme fallen weg, aber die Klüfte könnten dafür Schutz für ganze Siedlungen bieten, in denen die Bewohner ihre Wohnungen auf dem Grund der Schatten bietenden Klüfte in die Kalksteinwände gehauen haben. Die Phantasie ist, wie immer, grenzenlos, ohne, daß man die Plausibilität brechen muss.
Für Weltenbastler, sei noch angemerkt, ist wichtig zu wissen, daß Massenkalke einst immer ehemaliger (flacher) Meeresboden waren, der an die Oberfläche gehoben wurde (vergleiche die Alpen). Dies sollte man als Weltenbastler im Hinterkopf behalten, je nachdem wie genau man die Geschichte seiner Welt ausarbeitet.


Quellen:
- The ankarana tsingy an its development, Veress et.Al 2008, Department of physical geography, University of West Hungary
- The origin of the bemaraha tsingy, Veress et.Al 2008
- www.Mineralienatlas.de/lexikon/Tsingydebemaraha



Viel Spass damit, ich kann leider nicht sagen, wann ich das nächste mal Zeit zum Schreiben finde, da sich bei mir zur Zeit alles überschlägt.



Kommentare:

  1. Schöner Artikel.

    Wieder etwas stark geologisch formuliert, aber spätestens die Bilder und Karten machen den Spielebastler neugierig =)

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  2. @geologie: Ja, du hast Recht.Ich will natürlich keinen mit Fachbegriffen erschlagen. Aber selbst unter dem Gesichtspunkt ist es eigrnzlich noch unverantwortlich oberflächlich. ;)
    Ich denke, es ist noch leicht verständlich, denn ich möchte ja erklären, wie so etwas ensteht,sonst kann man nicht beurteilen, wie man es einbauen kann. Ansonsten bräuchte ich nur die Bilder zeigen (das ist auch das, was die meisten anderen Internetseiten meist tun).
    Vielleicht kann ich es umgangsprachlicher formulieren, aber dann wird es im Endeffekt nur ungenauer.

    Ich bin aber schon extrem an Vorschlägen interessiert, wie man mehr Rollenspielbezug reinbringen kann.

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  3. Der Artikel ist klasse – und bringt gleich neue Ideen fürs Spiel!

    Danke!

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