Sonntag, 6. Februar 2011

Ein Einsteigerrollenspiel darf kein Einsteigerrollenspiel sein! (Gastbeitrag)

Heute mal ein Gastbeitrag eines Freundes. Den Beitrag möcht ich vor dem virtuellen Vergessen bewahren (sofern das hier in dieser kleinen Ecke überhaupt möglich ist). Er ist schon 1-2 Jährchen alt und spricht einen interessanten Punkt bei Einsteigerrollenspielen an.
Es mag sein, daß sich die Lage bei Einsteigerrollenspielen im letzten Jahr geändert haben mag, jedoch geht es hier aussschliesslich um deutsche Produkte, und da hat er sicher weiterhin Gültigkeit. Zumindest, wenn man als Einsteiger ein etwas umfangreicheres Rollenspielerlebnis erwartet.

Danke an Narr für die zur Verfügung Stellung.

ihr könnt den Beitrag auch im RSP-Forum diskutieren.

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In einem Interview schrieb Florian Don-Schauen:

Eine Möglichkeit, Rollenspiel einsteigerfreundlich zu machen. Es gibt seit etwa zehn Jahren in Deutschland kein wirklich interessantes Rollenspiel, mit dem man einfach losspielen kann, so wie es früher war. Bei dem man nicht erst 200 Seiten lesen und verstehen muss, bevor man die erste Spielrunde leiten kann. Es gibt da verschiedene Versuche in verschiedene Richtungen, die aber alle an zwei Problemen kranken: Die einen sind einfach zu kompliziert, zu aufwändig, zu komplex für Leute, die nur mal reinschnuppern wollen. Die anderen sind in ihren Hintergrundwelten zu extrem. Endzeitrollenspiele oder Rollenspiele, wie die “Welt der Dunkelheit”, die in ihren Grundregeln sehr einfach ist, aber einen Hintergrund hat, der Anfänger nicht gerade anspricht.
Ein solches Projekt, mit dem man Einsteiger wieder leichter zum Tischrollenspiel bringt, wäre ein wichtiges Vorhaben für die nächste Zeit.

Quelle: Zivilschein-Blog

Das finde ich ja spannend. Seit ungefähr 10 Jahren, schreibt er, gibt es kein deutsches taugliches Einsteiger-Rollenspiel mehr. Also ungefähr, seit DSA4 erschienen ist und man Das Schwarze Auge nicht mehr als leicht zugängliches Rollenspiel bezeichnen kann. Offensichtlich. Nun ja, eine oft gelesene Meinung im Internet.

Gut, aber sieht die Lage wirklich so trostlos aus? Was sollte ein Einsteiger-Rollenspiel denn überhaupt bieten, damit es als Einsteiger-Rollenspiel deklariert werden kann? Mal überlegen:

* Eine Einführung: Was ist Rollenspiel? Mit einem schön ausführlichen Beispiel, zusammenhängenden Beispiel.
* Kurze und knackige Regeln, die es auf den Punkt bringen, dabei aber gut spielbar sind.
* Tipps und Hinweise für Spielleiter und Spieler, die einen über die ersten Spielabende bringen.
* Fertigabenteuer zum Sofort-Losspielen.
* Ein stimmiges Setting, in das man schnell hineinfindet. Ich stimme Florian zu, dass es nicht zu abgehoben sein sollte.

Nun, etliche Verlage versuchen, diese Lücke mit Einsteiger- oder Intro-Kits zu füllen. Dies sind in der Regel kostenlos erhältliche, stark vereinfachte Fassungen der ihnen zugrunde liegenden Regelwerke. Dazu einige Seiten Hintergrund und mit ein wenig Glück auch ein Abenteuer und ein paar Archetypen, um sofort loslegen zu können. In Deutschland ist diese Sitte leider nicht so verbreitet wie in den USA. Aber es gibt solche Einsteiger-Kits auch hier. Pegasus stellt ein solches Kit für Cthulhu bereit, auch für Midgard gibt es ein Einsteigerset. Ansonsten sieht es aber wirklich ziemlich mau aus. Im Tanelorn gibt es eine ausführlichere Liste mit Intro-Kits, die meisten sind englisch.

Taugen solche Intro-Kits, Einsteiger-Sets etc. denn als Einsteiger-Rollenspiel? Natürlich nicht, denn die gibt es nicht im Laden zu kaufen. Der Einsteiger, der sich im Internet informiert, wird womöglich auf sie stoßen. Tendenziell ist es aber wohl eher eine Sache, die für Rollenspieler interessant sind, die sich nach neuen Systemen umsehen. Zudem lässt sich auf diesen dünnen Heftchen oft nur schlecht aufsetzen, denn sie sollen ja zum Kauf des eigentlichen Regelwerks verleiten – und das können durchaus ordentliche Mammutregelwerke sein.

Wie sieht es nun mit ernsthaften Alternativen aus? Neulich habe ich selber meine Rollenspielschränke durchgesehen auf der Suche, nach einem deutschen Rollenspiel mit leichtem Regelwerk. Denn ein Einsteiger-Rollenspiel ist ja keineswegs nur für Einsteiger interessant! Keineswegs, es soll ja Rollenspieler geben, die es schätzen, dass im Hintergrund ein leichtes, eingängiges, schnelles Regelwerk seinen Dienst tut. Leider gaben meine Schränke da echt nicht viel her. Ich durchforstete die Rollenspielshops – fand aber auch keine großartigen Möglichkeiten.

Was nun? Gibt es wirklich kein deutsches Einsteiger-Rollenspiel? Wieso nicht? Und wieso wird diese Lücke nicht gefüllt? Ah jo. Natürlich gab es Versuche, diese Lücke zu füllen. Es wird dann aber ein wichtiges Kriterium vergessen und dies ist meine These:

Ein Einsteiger-Rollenspiel darf kein Einsteiger-Rollenspiel sein.

Das klingt paradox, aber ich meine es wirklich so. Ein Einsteiger-Rollenspiel muss vollwertiges Rollenspiel sein. Es muss Quellenbücher geben, Kampagnen, Miniaturen, alles drum und dran eben. Der Einsteiger soll doch nicht das Gefühl bekommen, erst ein wenig auf den Trainingsparcours zu müssen, um dann erst “richtig” loslegen zu dürfen! Nein, man möchte doch bei dem Spiel bleiben können, mit dem man anfängt. Zumal ein “richtiges” Rollenspiel vermutlich sowieso ganz andere Regeln hätte und dann den großen Aufwand bietet. Denn mal ehrlich, der Schritt sich erstmal dazu zu bewegen, sich überhaupt mit Freunden zusammenzusetzen und Rollenspiel zu betreiben, ist im Grunde der weniger schwierige Schritt. Sicher, für manche mag er Überwindung kosten. Aber im Grunde ist es dann einfach, zu spielen. Die eigentliche Hürde, die den Einstieg schwierig macht, ist, sich in ein komplexes Regelwerk einzuarbeiten. Das nimmt ihm ein “Einsteiger-Rollenspiel” nur ab, wenn er denn auch gleich dabei bleiben kann.

Das bis vor etwa 10 Jahren als Einsteiger-Rollenspiel gehandelte Das Schwarze Auge stellte dies bereit. Es war nebenbei eines der erfolgreichsten deutschen Rollenspiele! Es gab Unmengen an Publikationen. Dem Einsteiger wurde so natürlich das Gefühl gegeben, nicht irgendwas zu spielen, sondern DAS Schwarze Auge. Noch heute treffe ich gelegentlich Leute, die mit dem Wörtchen Rollenspiel nichts anfangen können, wenn ich dann aber Das Schwarze Auge sage (oder vielleicht sagen sie es sogar!), sofort wissen, was Sache ist!

Meine Befürchtung ist also: Auf ein deutsches Einsteiger-Rollenspiel müssen wir also so lange warten, bis sich ein Nischensystem zu einem solchen mausert oder ein großes deutsches Rollenspiel wieder den Weg zurück findet und das wird, was es einstmals war.

Schöne Grüße,

der Narr.

Kommentare:

  1. Ich finde, Cthulhu ist das perfekte Einsteiger-Rollenspiel! Im Grunde enthält das kostenlose Heftchen alle Regeln, die man zum spielen braucht inkl. Abenteuer.

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  2. Ich habe auch direkt an Cthulhu gedacht. Einsteiger RPG muss ja nicht gleich Fantasy sein. Es erfüllt aber eigentlich alle deine Punkte. Direkt spielbar, massenweise weiteres Material, deutsch und ein einfaches Regelgerüst. Nur wenn man eben Fantasy will, sieht es eben mau aus.

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  3. Ich schlage eher Dungeonslayers vor. Es gibt zwar kein "Kit" für Einsteiger, aber die Regeln bringen mit ihrer Einfachheit und Überschaubarkeit gute Voraussetzungen mit für Einsteiger gut geeignet zu sein. Und kostenlos ist es in der PDF-Version auch noch. Cthulhu kenne ich nicht, aber ob da der Hintergrund die Voraussetzungen erfüllt? Ansonsten sieht es jedenfalls ziemlich mau aus, was verständlich ist. Es gibt halt wenige Ecken, wo man noch wirklich neue Systeme und Welten erfinden kann. Es gibt immer schon etwas und das nächstneuere setting und System muss eben irgendwie "besser" sein, was schlussendlich eigentlich immer zu ein wenig komplexeren Regeln führt. Was anderes würde ja auch keiner kaufen. Wohl ein zwnagsläufiges Problem eines stagnierenden oder schrumpfenden Marktes.

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  4. Von Cthulhu kenne ich leider nur One-Shots mit einer älteren Version.
    Ich bin mir nicht sicher, ob es den Punkt "wenig abgefahren" erfüllt, den Don Schauen ansprach.

    Ich kann mir nur wenig Leute vorstellen, die sich für Cthulhu RPG begeistern können. Ich gehöre übrigens auch nicht dazu.

    DungeonSlayers ist aber nun nicht unbedingt mit Massenweise Settingmaterial u.ä. unterstützt oder?
    Für angehende RPGler, die nach wenig Regeln dürsten, ist das sicher das Richtige. Aber abgesehen davon halte ich die "wenig Komplexe Regel = automatisch besser" Gebetsmühle für überschätzt.
    Ich erinnere mich an meine DSA Anfänge, da hätte mich ein 20Seiten RPG wie DungeonSlayers nicht hinterm Ofen hergeholt, wenn ich Alternativen wie DSA3 gehabt hätte. Das war imho Einsteigerfreundlich und hatte jede Menge Fleisch.

    Beim Interview gings u.A. ja auch um DSA. Von daher würde ich gar nicht verlangen neue Welten und Systeme zu erfinden (was natürlich cool wäre). Die Rollenspiele können sich ja auch einfach mal auf ihre Wurzeln besinnen.

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  5. ... mein dritter Versuch, hier einen Kommentar reinzustellen. Inzwischen hab ich einen eigenen Blogeintrag geschrieben ;-)

    Cthulhu ist in der Tat ein sehr einsteigerfreundliches System im Sinne des Forderungskatalogs des Narren.

    DSA könnte es eigentlich auch sein, wenn es nur wollte. Mein Senf dazu: http://grafhardimund.livejournal.com/32251.html

    Gruß
    Graf Hardimund

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  6. gab es technische Probleme beim Kommentar schreiben?

    Wenn es im Blog Probleme geben sollte, steht ansonsten auch ein verlinkter Forenthread zur Verfügung.

    Das DSA es sein könnte, sehe ich genauso. Das wurde auch im Beitrag angesprochen.
    Cthulhu wäre mir immer noch zu abgefahren, aber wer weiss schon, was die RPG Einsteiger dazu sagen :)

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  7. nochmal zu Cthulhu: dass Horror-/Detektivgeschichten mit ein paar ziemlich großen Tentakeln im Hintergrund "abgedreht" und offen auf der Straße rumhüpfende Elfen, Zwerge und Goblins "normal" sind, glauben wir auch nur, weil wir eben mit DSA oder (A)D&D ins Hobby gekommen sind.
    Ich meine, dass Leute in meinem Umfeld, die Cthulhu und DSA parallel kennengelernt haben, von Cthulhu mehr angetan waren. Nicht nur von den Regeln, sondern von der Zugänglichkeit des Hintergrunds. (Fast) ganz normale 20er Jahre, da konnten sie sich reindenken. Das wird aber eher für erwachsene Neulinge gelten als für um die 14-Jährige.

    zur Technik: vielleicht sollte ich einfach mal Cookies zulassen...

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  8. ich glaube Elfen und Zwerge Fantasy ist mittlerweile SEHR mainstreamig, wenn man mal an die MMOs denkt.

    @cookies: so kanns gehen :)

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  9. Na ja, eine Gebetsmühle ist per se eine blöde Idee. Genau wie Fundamentalismus und vieles mehr. Aber eine "weniger ist mehr"-Einstellung finde ich grundsätzlich positiv, denn oft werden einfache Dinge aus unwichtigen Gründen, Tunnelblick oder "politischen" Gründen zu sehr aufgebläht. Leiber erstmal die einfache Variante probieren oder gucken, ob man nicht bestimmte Dinge der Einfachheit halber über Bord werfen kann. Siehe Dex-Bonus to Ac (D&D) vs. Parade-Wurf (DSA). Aber das gilt nicht nur im Rollenspiel sondern in allem. Scheint aber eine selten anzutreffende Einstellung zu sein und das es ein völlig anderes und umfangreiches Thema. Wollte es nur mal loswerden :)

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  10. Ja, es ist auf jeden Fall sinnvoll ein RPG von unten hoch zu ziehen, und dann alles notwendige/gewünschte zu ergänzen.

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  11. Wichtig sind auch jede Menge Beispielcharaktere, da viele Systeme, welche sich 'einfach' spielen, meist komplexere Regeln zur Charaktererschaffung haben.

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  12. Ich selbst habe Beispielcharaktere ja NIE verwendet aber mich häufig an ihnen orientiert. Ihmo gehört so etwas hinein, da stimme ich zu.

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  13. Der Behauptung Cthulhu sei einsteigerfreundlich kann ich mich leider nicht anschließen. Gewiss, die Welt und die Regeln sind beide einfach gehalten, es bietet genug Hintergrund, aber nicht zu viel. In allen Punkten gebe ich euch Recht, aber:
    Sich einerseits weit genug in die Geschichte einzufühlen um den Horror zu erleben, beziehungsweise als Spielleiter diesen Horror richtig rüberzubringen, ist eine Aufgabe, die ich einem völligen Neuling, der sich noch nie zuvor mit Rollenspiel befasst hat, nicht zutrauen möchte.

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  14. Ich bin ja wirklich kein Cthulhu Kenner, aber das scheint mir ein gutes Gegenargument zu sein.
    Horror ist nicht unbedingt das Einsteigergenre.

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  15. Ich habe nie so ganz begriffen, warum man Cthulhu unbedingt als Horror-Rollenspiel spielen muss. Das Setting an sich verlangt nicht unbedingt nach übernatürlichen Großen Alten. Man kann die Regeln wunderbar auch für einfach (einsteigerfreundliche) Detektivgeschichten verwenden. Dabei muss kein Horror aufkommen und der Mörder/Entführer/Erpresser/was auch immer muss kein seltsames Weltraum-Unterwasser-Tentakel-Monster sein. Auch andere Settings, wie z.B. Indiana Jones ließen sich relativ einfach einbringen. Einige Konzepte, wie der Geisteszustand würden dann praktisch nicht benutzt werden, aber das macht ja nichts.
    Natürlich ist es einer reinen Anfängergruppe nicht unbedingt zuzumuten, sich hier eigene Settings und Abenteuer zu überlegen. Ich (als erfahrener Rollenspieler) wollte ein paar Freunde in die Welt des Rollenspiels einführen. Ich hatte mir eine Story à la Sherlock Holmes überlegt. Die Regeln des Systems sind einfach, die Welt leicht vorstellbar und die Charaktererschaffung schnell. Wen die Charaktererschaffung immer noch zu lange dauert, kann auf einen großen Topf aus Archetypen zurück greifen.
    Wir hatten einen sehr schönen Abend :)

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