Dienstag, 8. Dezember 2015

RSP-Blogs Karneval [Dez. 2015] Regeln by the book oder ad-hoc verregeln?

w6vsw12 macht sich dankbarerweise die Mühe, den diesmonatigen RSP-Karneval "[Rollenspiel]-Regeln by the book oder ad-hoc verregeln?" zu organisieren. Um ehrlich zu sein, kann ich zu dieser konkreten Frage gar nicht allzuviel beitragen. Als ich das Thema mit diesem ungelenkten Titel seinerzeit vorschlug, war das aus meiner Sicht bereits eine rethorische Frage. Allein die Vorstellung, ein Rollenspielregelwerk "by the book" spielen zu können, also so zu spielen, als sei es eine Anweisung, die man 1:1 befolgen könnte, kommt mir heute absurd vor. Nicht, weil ich es begrüße, habe ich doch lange Jahre versucht, dem "by the book" Rollenspiel hinterherzujagen, sondern weil die ad-hoc Verregelung eine Notwendigkeit ist. Das ad-hoc Verregeln bezieht sich hierbei auf eine spontane Erfindung oder Auslegung von Regelmechanismen, um eine konkrete Situation am Spieltisch zu klären. Etwas, das alle Rollenspielrunden seit jeher praktizieren (müssen). Selbst Rollenspiele, die aufgrund ihrer Flexibilität der ad-hoc Verregelung Rechnung tragen, indem sie ihre Mechanismen interpretierbar gestalten, stoßen über kurz oder lang an ihre Grenzen im Spiel.
Warum ist dies notwendig?
Zum Einen, weil der Gegenstand der Verregelung, die Spielsituation - eine komplexe, soziale Angelegenheit mit unzähligen Ansprüchen, Kenntnissen und Erwartungen - bis zu ihrem Auftauchen ja noch gar nicht existiert hat, die Spielrunde hat sie schließlich gemeinsam erst vor einem Moment erschaffen und sie muss eben erst danach, nunja, verregelt werden. Wie der Narr nebenan beim bunten Rollenspiel schon die viel diskutierte These aufgegriffen hatte, dass der Fluff (Spielweltbeschreibungen, Spielinhalte) den Crunch (Regelmechanismen, Regeloptionen) definiert und nicht andersherum.
Zum Anderen, weil man dieser Tatsache entweder nur vorgreifen kann, indem man sämtliche Situationen, die jemals im Spiel auftreten können, schriftlich verregelt; oder, indem man die Situationen, die auftreten dürfen, bewusst begrenzt. Erste Option bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt pure Fiktion - was nicht am Mangel an Versuchen liegt! - die Zweite finde ich aufgrund der eingeschränkten Freiheit für ein Rollenspiel nicht zufriedenstellend.
Diese Sicht hat ihre Gültigkeit natürlich nur im Rahmen der Definition, die ich für mich für das Rollenspiel zurechtgelegt habe. In dieser ist das Rollenspiel ein Prozess, eine Tätigkeit (im Englischen eindeutiger als Role-playing Game bezeichnet), in der das Schaffen von Regeln zum Zwecke der Entscheidungsfindung ein fester Bestandteil ist, so wie es das Beschreiben der Spielwelt ist, das ja bereits erste Regelfestlegungen notwendig macht. Wobei das Schaffen von Regeln für mich trotz allem noch den Status des notwendigen Übels hat und mir wenig Spaß bereitet. Aber Argumente oder Spielrunden, die mich überzeugten, dass man auf ad-hoc Verregelungen verzichten kann, sind mir bislang nicht begegnet. Zahlreich hingegen sind die vorgeschobenen Vorzüge streng regulierter Spielrunden, darunter die vermeintliche Zuverlässigkeit und Sicherheit, also die Abschätzbarkeit der Konsequenzen in der Spielwelt. Doch ohne Regelwerk, welches das leisten kann, bleibt es für mich nur ein leeres Versprechen.

Zumal, sind zuverlässige, gleichberechtigte Mitspieler nicht viel wichtiger und außerdem viel effektiver? Führt das nicht auch zu Sicherheit im Spiel? Und ist es dann nicht sinnvoll, diese zu ermächtigen, anstatt sie per Regeln zu kontrollieren? Bis uns ein Spieldesigner also dieses versprochene, allumfassende, "by the book" nutzbare Rollenspiel präsentiert, ist die viel drängendere und somit eigentlich interessantere Frage in diesem Zusammenhang doch vielmehr, wie man eine Regel überhaupt spontan erschafft und wie sie ihren Weg in den Spielablauf findet. Eine Spielrunde ist kontinuierlich im Wandel begriffen und Spielregeln müssen das berücksichtigen. Vielleicht ein gutes Thema für künftige Diskussionen, zumindest für diejenigen, die ihre Position zu festgeschriebenen Rollenspielregeln grundlegend überdenken.

Über den Karneval wird, wie immer, im RSP-Blogs Forum diskutiert:

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