Dienstag, 5. Oktober 2010

Essentials: Opium fürs D&D Volk?

Wer mehr als einen D&D4 Beitrag von mir gelesen hat, wird wissen, daß mich mit D&D4 eine Hassliebe verbindet. Dabei gehöre ich nicht zu den Spielern, die den alten D&D3.x Tagen hinterhertrauern, sondern die sich echte Verbesserungen an D&D4 Wünschen, die aus dem abstrakten Metaspiel mit ihren "Cool Powerz - Storybauklötzen" wieder ein Rollenspiel machen, mit dem man sich mit seinem Charakter in eine Spielwelt hineinversetzen kann.

Große Erwartungen an die D&D4-Essentials Einsteigerboxen, die nun schon vor einem Weilchen erschienen sind, habe ich trotzdem nicht gesetzt. Zu durchschaubar waren die Versprechungen, mit denen man die alte Garde, hauptsächlich D&D3.5 Spieler, zum Schweigen bringen wollte. Man hat sich der Stagnation und Resignation verschrieben, anstatt seinen innovativen Ansatz weiter zu entwickeln. Wie nicht selten, sind die Kunden die Handbremse der Weiterentwicklung.

Zu den D&D Essentials gehört auch der Materialband Heroes of the Fallen Lands , der neue "Builds" für die vier Grundklassen (Kämpfer, Schurke, Magier, Kleriker) enthält.

The Clone hat in seinem Blog kurz reingeschaut und Wizards of the Coast scheinen zum Teil wieder Elemente aus dem vorherigen D&D einbauen zu wollen.
http://www.herzliches-rollenspiel.de/blog/?p=1997

So nehme ich ihn beim Wort, wenn er zu dem "Build" des Magiers schreibt:

Doch der Wizard-Build “Mage” geht mit 53 Seiten klar als Sieger hervor. Dadurch, dass er sich jeden Morgen nach seiner extended rest neue Encounter und Daily Powers für den Tag aus der gesamten Liste der für seine Stufe verfügbaren Powers aussuchen kann, muss man auch einen großen Teil dieser Seiten kennen. Also etwas für echte Tüftler.

Was das mit altem OD&D, D&D3.95, oder wie auch immer man es nennen mag, zu tun haben soll ist mir aber ein Rätsel, denn die "alte" D&D4 Vorhergesehensweise (2 Spellpowers pro Stufenaufstieg wählen, daraus Zauber vorbereiten) ist selbstverständlich das ganz normale D&D 3.5 .
Warum also nun die Änderung? Ich denke man knickt vor den schreienden Ewiggestrigen ein, insbesondere Magierspielern, die blind vorm Toben die "normalen" D&D Elemente in D&D4 nicht mehr erkennen können. Das kann man auch aus dem Interview mit Mike Mearls im Escapist Magazine herauslesen.

Jetzt gibt man den unflexiblen Altspielern also irgendwelche Änderungen "der Änderungen wegen" und die müssen dann natürlich gut sein, weil es ja von D&D4 fortgeht (auch wenn es sich dadurch noch weiter von "Ol'D&D" entfernt). Es könnte natürlich auch anders sein: Wizards of the Coast entwickelt ihr D&D4 konsequent noch weiter fort von D&D, und die zurückgelassenen Fans jubeln dennoch und kommen zum Teil zurück in seine Arme (ich habe bislang keine wirklich schlechten Kritiken zu den Essentials gelesen). Das kann man dann wohl getrost als Geniestreich bezeichnen.

Die wirklichen dicken Klöpse und kritikwürdigen Elemente aber, die ein normales Spielen aus der Charakterperspektive so gut wie unmöglich machen (z.b. die ganzen mundanen Martial Powers) lässt man aber so, wie sie sind. Denn diese Elemente der Regeln umzudesignen wäre WIRKLICH Arbeit.

Und die möchte sich natürlich niemand machen. Warum auch, wenn man die verlorene Spielerschaft so leicht ablenken kann, wie mit einer rot angemalten Schachtel?

Was ist aber mit denen, die immer treu geblieben sind? Die D&D nicht wegen ein paar Design umwürfen hingeschmissen haben und nun unverschämte Forderungen und Erpressungen wegen alter Tage stellen ("Machts so wie früher, oder wir sind weg"). Die ihr neues Spiel, daß sie seit D&D4 Auflage1 trotz der Schwächen unterstützt haben, und es jetzt auch fairerweise konsequent weiterentwickelt sehen und verbessert sehen wollen? (Die Regelupdates zählen dabei nicht, das ist nichts anderes als Fehlerbehebung.)
Was wir mit den Essentials haben, ist dasselbe wie vorher, nur anders. Kein Vorrankommen. Und mit etwas leiseren 3.5 Spielern, die D&D4 sowieso nicht spielen wollen. Das Klassenziel scheint also erreicht, möchte man meinen.

Man hadert immer noch damit, wie man die verloren gegangenen Fans mit möglichst wenig Aufwand ruhig stellen kann und lässt alle Spieler dabei im Regen stehen und das bringt D&D4 als Ganzes natürlich gar nicht weiter.

Kommentare:

  1. Hui, Du interpretierst da aber eine ganze Menge rein. Und dieses Mal ist es auch weniger sachlich als letztes Mal. Trotzdem schön, dass Du mich zitierst :)

    Der von Dir zitierte Teil hat sicher noch relaitv wenig mit D&D 3.95 zu tun, aber es ist ein kleiner Baustein: Magier waren in 3e sehr viel komplexer/komplizierter zu spielen als Kämpfer. Als Ausdruck dessen habe ich die Seitenzahl genommen, denn eine ausführliche Behandlung der Unterschiede wäre mir zu lang für die geringe zur Verfügung stehende zeit gewesen. Die Möglichkeit sich jeden Tag neue Powers auszusuchen ist sicher shcon mehr Teil davon. Aber man muss sich auch die Powers im Detail anschauen.

    Ich denke Essentials addressiert primär den Vorwurf, die 4e-Klassen spielen sich zu gleich, der sowohl von 4e- als auch von 3e-Spielern erhoben wurde. Vielleicht sogar quer durch alle Bänke, von 4e-Fanboys abgesehen. Welche Seiteneffekte man damit einsammelt ist natürlich eine andere Sache.

    Ich sehe darin auch keinerlei Rückschritt, weil es nichts von dem wegnimmt, was 4e ausmacht. Es nimmt einzig allein die Gleicheit der Klassen weg und das habe ich noch nie als Schlüsselfeature der 4e wahrgenommen. Eher als notwendiges Übel oder als "Macht doch nichts". Aber deswegen kauft das System wohl niemand. Alles, was die 4e in meinen Augen an Fortschritt geliefert hat bleibt erhalten. Und genau darum mag ich Essentials.

    Was ist denn der weitere fortschritt, den Du Dir gewünscht hättest? Du bist da recht unkonkret.

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  2. Ich habe den Beitrag heute morgen kurz nach dem rps-Blogs Check in 10Minuten runtergeschrieben, also sorry, wenn es nicht sachlich klingen sollte.

    ich meinte natürlich auch nicht speziell dich mit Altfan, sondern deine Inhaltsangabe war nur der Aufhänger. Das Zitat sollte also eher für die Qualität sprechen ;)

    @Topic:
    Komplexität als 3.5 Qualitätsmerkmal scheint mir etwas weit hergeholt zu sein. Nur weil etwas komplizierter ist als in D&D4, muss es ja nicht näher an 3.5 sein.Tatsächlich geht der neue Build ja sogar von 3.5 weg.

    Ich halte es auch für wenig geschickt, die Individualität der Klassen durch unterschiedliche(!!) Komplexität zu erreichen.

    Und warum bekommen die Magier nun wieder eine spezielle Extrawurst? Das ist wieder 3.5 Denke. Die anderen Klassenmerkmale gehen ja nicht allzuweit von D&D4 fort.

    Ausserdem: Wenn die Essentials angeblich Einsteigermaterial sind, wieso macht man es dann zum Teil komplexer als in D&D4?

    Aus alledem lese ich nur das Buhlen um die alte Garde. Du sagst es ja selbst "Sie reagieren auf Vorwürfe". Genau meine Beitragsaussage.

    Echte Einsteigerfreundlichkeit würde man anders anpacken. Und echte Weiterentwicklung würde man auch anders anpacken. Einen beliebigen Mechanismus durch andere beliebige Mechanismen zu ersetzen, bis die Spieler zufrieden sind, ist keine Entwicklung. Das ist einfach Zeitverschwendung.

    Und ehrlich gesagt bin ich es Leid als tatsächlicher D&D4 Spieler von WotC wie Spieler 2.Klasse behandelt zu werden, nach dem Motto "die spielen das ja eh schon". Dreht es sich bei D&D4 überhaupt noch um andere Dinge, als um die nostalgischen OD&D Spieler? Ich bins Leid und ich finde das nicht "überinterpretiert".

    Warum bleiben die alten Fans nicht einfach bei ihrer Edition, dann kann sich WoTC wieder auf D&D4 konzentrieren.

    Ich kann auch nicht für WotC deren Spiel weiter entwickeln. Was genau möchtest du an Vorschlägen hören? Ich persönlich würde mir z.b. eigenständigere, optionale Regelmodule wünschen, die auch Inhalte jenseits des Kampfes behandeln (was weiss ich, Seefahrt z.b.) oder eine elegantere Einarbeitung der abstrakten "Storybauklötze" Martial Powers zu richtigen Manövern, anstatt besagten Situationsauslösern. Denn im Grunde sind die Mundanen Klassen nun noch genauso identisch wie vorher. Wenn das die Individualitätsinitiative von WotC war, dann bin ich nicht beeindruckt.

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  3. Schnarch, ja, die bösen Altfans ... Leg mal ne andere Platte auf!

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  4. Hmmm ...
    Dein Eindruck täuscht glaube ich nicht, Falk.
    WotC stößt - wie GW - gerne mal Fans vor den Kopf, wenn es um die Generierung von neuen Käuferschichten geht.
    Das war bei der Umstellung von 3.X auf 4E so
    und das ist jetzt - wo WotC ihre Ex-Fans als Kunden zurückgewinnen wollen - wieder so.

    Bisher ist die Rechnung ja immer aufgegangen.
    Deswegen am Schluß ein Tipp der 4Eler von vor 2 Jahren: Nicht rumheulen, bringt eh nix! Und: Wenn's dir nicht passt - du musst es ja nicht spielen.

    ;)

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  5. @Athair:

    Amen. ;)

    Ich denke auch, daß es wieder aufgehen wird. Denn es steht immer noch Dungeons&Dragons darauf. Und so lange das der Fall ist, werden die meisten Rollenspieler das auch kaufen und spielen.

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  6. Mir läufen die Änderungen natürlich gut rein, weil mein "Zentrum des Rollenspiels" irgendwo zwischen 3.5e und 4e ist. Darum sehe ich das alles in einer positiveren Grundstimmung. Du hast sicher, recht so ganz einleuchtend ist das nicht immer. Aber ich finde es einfach schön, dass ich jetzt Klassen habe, die sich tatsächlich unterschieldicher spielen. Und ich kann das neben Leuten spielen, die die At-Will/Encounter/Daily-Idee liebgewonnen haben und wir beide können glücklich sein (außer es geht einem von beiden um die Ideologie).

    Die Einsteigerfreundlichkeit wird ja primär durch die aufmachung der Red Box abgedeckt. Die führt neue Spieler gut und einfach an das Spiel heran. Das Design der Klassen spielt das sicherlich nicht unbedingt mit rein (außer man nimmt nen Fighter, aber sonst nicht). Da ist das Ziel eher ein paar "Altfans" mit ins Boot zu holen.

    Es ist auch tatsächlich so, dass WotC mit ihrer Linie irgendwie etwas komisch unterwegs sind. Als würden sie betrunken fahren ;) Sie stoßen immer wieder einzelne Gruppen vor den Kopf. Und jetzt nachdem sie im ersten Wurf der 4e die "reine Lehre" propagiert haben würde eine weichere Linie, die versucht die Interessen vieler Gruppen zu vereinen diejenigen vor den Kopf stoßen, die Fans der "reinen Lehre" sind. Die stekcen im Momement sicherlich in einer heftigen Zweickmühle und es ist keine langfristige Strategie absehbar.

    Die Idee Konzepte der 4e auf andere Bereiche als den Kampf zu übertragen finde ich interessant. Da kann man sicherlich noch einiges Potential heben.

    Warum ich z.B. nicht bei der alten edition bleibe ist nicht so sehr meine Haltung als Spieler, sondern die Vorteile, die 4e dem SL bietet. Als SL ist das Leben mit 4e viel einfacher als mit 3e und darum bin ich froh, dass ich jetzt auch als Spieler in der 4e Builds habe, die mehr meinem Spielstil und meinen Vorlieben entsprechen.

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  7. Falk hat gesagt…

    Zitat,TheClone:Aber ich finde es einfach schön, dass ich jetzt Klassen habe, die sich tatsächlich unterschieldicher spielen.ZitatEnde

    Oh, ich finde auch, daß sich die normalen D&D4 Klassen schon sehr unterschiedlich spielen. Alle haben ein leicht andereres Spielgefühl. Für mich bestand da kein Handlungsbedarf. Verschenkte Arbeitszeit.

    Sich über die Gleichartigkeit der 4e Klassen zu echauffieren, kam mir immer so vor, als würde man sich darüber aufregen, daß GURPS Charaktere alle mit 3W6 würfeln. ;)

    Ich finde die D&D4 Regeln auch so schon dünn und leicht. Sie sind nur schwer zu verstehen. Lediglich daran hätte man etwas drehen sollen.
    Grundsätzlich ist eine Red Box natürlich gut.

    @betrunken: Ja, das passt wirklich sehr gut. Aus meiner Sicht macht es den Eindruck, als seien die Altfans in den letzten Monaten ein Volltime Job ("wie stellen wir die NICHT Spieler denn jetzt zufrieden?"). Dazu zähle ich auch DarkSun und so, was mich alles nicht interessiert.

    Ich spiele D&D4 weil es FAIR für alle Spieler ist, und natürlich, weil es weniger Aufwand bedarf ohne die Komplexität von 3.5 einzubüssen.

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